Freitag, 20. Dezember 2024

17. Dezember 2024 Jackadgery - Bald Rock National Park

Nachdem es gestern heiß und trocken war, fängt es überraschenderweise in der Morgendämmerung an, ergiebig zu regnen. Der Regen hält sich bis zu unserer Losfahrt um kurz nach zehn. Zum Glück zeichnet sich der australische Regen durch warme Temperaturen aus; es hat 26° und dadurch tropische Luftfeuchtigkeit.
Auf der Herren-Toilette hängen diesmal keine Warnungen vor heißem Wasser, man hält die Kundschaft wohl für eigenverantwortlich genug. Statt dessen finden sich erstaunlicherweise einige Fotodokumentationen großer Anglererfolge, auf denen ein- und derselbe Mann diverse großformatige Fische in die Kamera hält. Außerdem hängt hier eine Kopie der Angel- und Fischerei-Bestimmungen von New South Wales aus. Offenbar darf hier jedermann angeln, abgesehen von einigen Ausnahmen. Eine davon ist bemerkenswert: Es darf nicht gefischt werden, wenn Fluss oder Ufer "der Krone" gehören ("the Crown's land"). Ist das die juristische Beschreibung von Staatseigentum? Immerhin ist König Charles im fernen London das Staatsoberhaupt. Oder bestehen hier noch feudale Eigentumsrechte?
Wir verlassen den hoch empfohlenen, gleichwohl kaum bemerkenswerten Platz und folgen der Straße dem Tal des Mann River weiter flussaufwärts. Es geht durch eine üppig grüne Landschaft.
Wir spüren jetzt schon, wie wir das Grün vermissen werden, wenn wir nächste Woche wieder in daheim sind. Spaßeshalber habe ich schon mal angedacht, über Weihnachten die Shorts anzubehalten, zumindest im Haus. Aber auch das könnte bei 2-4° bereits eine Herausforderung werden.
Nach einer halben Stunde kommen wir in den Gibraltar Range National Park, der den Regenwald in diesem Teil des Küstengebirges schützt. 
Die Straße führt nun wie ihre Kolleginnen der letzten Tage in diese Bergwelt hinein und steil bergan. 
Wir hatten diese Straße ähnlich eng und kurvig vermutet wie den Waterfall Way vorgestern. Aber weit gefehlt: Sie ist bestens trassiert und optimal breit, so dass die gelegentlichen Begegnungen mit den großen Lastwagen nicht zu kleinen Abenteuern ausarten. Zudem hat sie einen neuen Teerbelag; dadurch gibt es keine der ansonsten für australische Straßen obligatorischen Schlaglöcher und Teer-Hubbel. Neben den Autobahnen ist dies erstaunlicherweise die beste Straße bisher.
In mehreren weiten Serpentinen windet sich der Highway die Gibraltar Range hinauf. Rechts und links säumen Palmen und mächtige Farne die Straße.
Weiter oben kommen wir in die Wolken und fahren durch Nebel. Dadurch werden die Lookouts von der Gebirgskante in die Küstenebene zu White Out-Erlebnissen. Dafür bemerken wir zum ersten Mal den dezenten Duft der Eukalyptusbäume, vielleicht braucht es dazu den Nebel. Sie riechen viel besser und völlig anders als unsere Hustenbonbons.
Jenseits der Passhöhe geht es kaum merklich sanft bergab und der Regenwald endet. Dafür zeigen sich nun entlang der Strecke viele Felsformationen mit rundgeschliffenen Steinen.
Außerdem wird der Wald durch einige Freiflächen, die an Hochmoore erinnern, unterbrochen. 
Eine breite Einfahrt macht auf sich aufmerksam: "Corrections Center" steht auf einem großen Schild. Hier in der einsamen Berglandschaft wird also ein Gefängnis betrieben.
Dann zeigen sich erste Weiden mit den üblichen dunklen Kühen. Wir haben das Hochland von New England erreicht.
In Dundee fahren wir auf den New England Highway auf, eine wichtige Nord-Süd- Verbindung westlich der Mountain Range, und folgen ihr etwa 50 Kilometer nordwärts bis Tenterfield. 
Der Verkehr auf dem Highway ist nicht übermäßig, die Landschaft hügelig und freundlich, gelegentlich zeigt sich die Sonne - wir cruisen dahin.
In Tenterfield, Zentrum der Region und trotzdem erstaunlich ungeschäftig wirkend, befindet sich ein kleiner COLES- Supermarkt, in dem wir unsere Vorräte noch einmal ergänzen. Hier gibt es Obst für Kinder zum mitnehmen: "Free fruit for kids". Eine tolle Sache wie wir finden.
Über das freie WLAN einer Filiale der New South Wales Bank lade ich den aktuellen Blog-Artikel hoch, eine Tankstelle mit günstigen Konditionen findet sich auch noch, dann fahren wir hinein in die Einsamkeit der Nationalparks Bald Rock und Boonoo Boonoo. Auch dieses Sträßchen ist gut ausgebaut, erst viel weiter nördlich an der Grenze zu Queensland findet sich ein längeres Stück Gravel Road.
In den Bald Rock National Park führt dann ein kleiner geteerter Fahrweg. Auf seinen fünf Kilometern bis zum Campground sehen wir mehrere kleinformatige Kängurus, die glücklicherweise nicht auf die Straße hüpfen. 
Der Campground des Nationalparks ist denkbar klein. Insgesamt 13 Sites liegen verstreut entlang einer kurzen Ringstraße im Wald, mit uns sind drei davon belegt. Die Ausstattung des Platzes beschränkt sich auf mehrere Plumpsklos und einige Wasserhähne, deren Wasser man aber abkochen sollte. Man muss im Internet vorreservieren, vor Ort wird die Nationalpark-Gebühr per bereitliegendem Briefumschlag unter Angabe der Autonummer in einen Kassenbehälter cash gezahlt. 
Kängurus sind auch hier zu sehen. Niemand ist da, völlige Stille außer Vogelgeräuschen. Uriger geht es kaum.
Namensgeber des Nationalparks ist der Bald Rock, der kahle Felsen, ein isoliert stehender Granitfels mit imposanten Maßen: 500 Meter breit und über 200 Meter hoch, angeblich der größte Granitmonolith der südlichen Hemisphäre.
Ihn möchte ich am Nachmittag noch besteigen. Susanne und Oskar begleiten mich bis zum Einstieg. Eine ziemlich steile Route führt hinauf, die Oskar das erste Stück noch mit mir geht. Sie verläuft auf nackten Fels, was alpinistisch durchaus fordernd ist, vor allem nachher beim Abstieg. Da man nur auf Reibung geht, könnte es bei Regen rasch heikel werden. Durch aufkommende Wolken am Horizont kehrt Oskar daher wieder nach um, ich teste den Weg erstmal allein. Alles zusammen ergibt trotz eines Aufstiegs von nur 200 Höhenmetern eine veritable kleine Bergtour.
Zur Orientierung sind in regelmäßigem Abstand weiße Plates angebracht, denen man folgen muss.
Der Steig gewinnt rasch an Höhe, bald habe ich einen schönen Blick über endlose Waldflächen, die von sanften Höhenzügen begrenzt werden. 
Im Sattel unter dem Gipfel liegen, wie von Riesenhand beim Kegeln abgelegt, einige runde Felsbrocken, die ein hübsches Motiv abgeben.
Der Gipfel ist mit einem sauber geschichteten Steinmann markiert. Das Panorama ist von diesem isoliert stehenden Berg natürlich umfassend. Weit dehnt sich das Land, überall Wald soweit das Auge reicht. Spuren von Zivilisation sind nicht zu erkennen, nirgends verschandeln Windräder oder Gewerbegebiete die Landschaft.
Es ist aber auch zu sehen, dass an mehreren Stellen in der Ferne starke Schauer niedergehen. Eine dieser Regenwolken scheint näher zu kommen. Ich gestalte also den Gipfelaufenthalt kurz und sehe danach zu, dass ich wieder herunterkomme von diesem eigenartigen Berg.
So schnell es geht, haste ich über die Felshänge wieder hinunter, erst unten am Waldrand zu Füßen der Felsen bin ich sicher. Es regnet dann zwar nicht, aber in völliger Unwissenheit der lokalen Bedingungen war Sicherheit oberstes Gebot.
Dies war mein erster Gipfel südlich des Äquators und meine erste Bergtour mit Känguru-Anblick. Klasse.
Auf dem Campground beobachten wir noch weitere Kängurus. 
Die ersten Europäer berichteten von ihnen als große Hasen mit langen Schwänzen. Nicht die schlechteste Beschreibung, wenn man sie sich so anschaut, vor allem die kleinen Exemplare. Der Name Känguru stammt von den Aborigines und wurde von den Siedlern übernommen.
Es regnet dann erst am Abend. Wir verdrücken uns in den Camper. Um uns herum herrscht Stille und absolute Dunkelheit. Traumhaft einsam - traumhaft schön.

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