Heute ändet sich die Richtung unserer Reiseroute. Waren wir seit Melbourne Richtung Westen unterwegs, um über die Great Ocean Road zu fahren, geht es nun, da wir deren Ende nahezu erreicht haben, ostwärts. Heutiges Ziel ist wieder Breamlea, der Campground unserer ersten Nacht.
Zunächst wollen wir uns jedoch noch die letzten beiden Felsformationen anschauen, die die Küstenstraße zu bieten hat. Das Wetter ist wieder kühl und bedeckt, jedoch wird es, als wir losfahren, ein wenig heller und über dem Meer scheint ein Streifen blauer Himmel aufgetaucht zu sein.
Und tatsächlich: Als wir am Aussichtspunkt der "London Bridge" ankommen, kommt die Sonne durch. Dieser im Meer stehende Felsbogen war ursprünglich durch einem weiteren Bogen mit dem Festland verbunden, was der Formation in Anlehnung an die berühmte Brücke in London ihren Namen gab. 1990 gab der landseitige Bogen jedoch der Jahrtausende arbeitenden Erosion nach und stürzte ein. Dabei wurden zwei verblüffte Touristen, die sich gerade auf dem hinteren Teil des Felsens aufhielten, isoliert, was zum Glück bemerkt wurde.
Der Ozean braust heute mit noch mehr Macht an die Küste, die Wellen scheinen noch größer und furchteinflößender als gestern zu sein. Das kontrastiert herrlich mit der Farbe des Meeres, das durch die Sonne heute wunderbar blau ist.
Eine kurze Fahrtstrecke später kommen wir schließlich zu "The Grotto", einem kleinen Felsentor in den Klippen, durch das man durchschauen und das Meer sehen kann. Wie es sich für eine Grotte gehört, muss man dorthin tief heruntersteigen. Wir haben Glück, dass nur wenig los ist, so haben wir das Felstor ein paar Minuten ganz allein für uns.
Wo sich gerade die Sonne ein unverhofftes Stelldichein gibt, wollen wir uns auch die "Twelve Apostel" noch einmal anschauen. Wir fahren also die 20 Kilometer wieder zurück, stellen den Camper wieder auf den Großparkplatz und gehen zur Aussichtsplattform am Klippenrand. Die Sonne ist uns treu geblieben, und wir sehen so auch die berühmten Felsen im hellen Licht und umspült von azurblauem Wasser. Die Wellen laufen mit Urgewalt an die Klippen und auf den unter uns liegenden Strand. Man spürt förmlich, dass hinter ihnen die ungebremste Kraft des Southern Ocean steckt. Wieder stehen wir und staunen.
Dass das Wetter besser ist als gestern zeigt sich auch an den vielen Hubschrauberflügen. Hoben gestern am Airfield neben dem Parkplatz nur ganz vereinzelt Helikopter ab, starten und landen sie heute in dichter Folge.
Während wir zum Auto zurückschlendern, schließt sich das Sonnenloch wieder. Glück gehabt.
Nun verlassen wir die Küste. Zunächst rollen wir auf einer einsamen Straße nordwärts durch leicht hügeliges Farmland. Auf endlosen üppig grünen Weiden grasen Kühe und gelegentlich Schafe, es schaut hier eher nach Mittelengland oder dem ländlichen Frankreich aus als nach Australien.
Die vereinzelten Farmen lassen vermuten, dass man hier trotz harter Arbeit keine Reichtümer erwirtschaftet. Die Häuser sind niedrig und eher klein, die Gerätschaften rostig und die Pickups der Bauern allesamt älteren Semesters.
Simpson, der erste Ort unterwegs, zeigt sich als winziges Dorf an einer Straßenkreuzung mit kleinen Einfamilienhäusern und mindestens zwei Landmaschinenhändlern. Immerhin gibt es einen kleinen Diner, in dem Souvlaki und Pizza das vorherrschende Angebot sind.
Wir hatten bereits vorgestern überrascht festgestellt, dass unser Camper ein Navigationsgerät eingebaut hat, obwohl wir ihn ohne bestellt hatten. Die Hinzubuchung eines Navi hätte über 200 Euro gekostet, da haben wir lieber unser kleines Weltweit-TomTom von daheim mitgenommen. Dieses kann nun in der Reisetasche verstaut bleiben. Mit elektronischer Hilfe kommen wir auf den kleinen Straßen abseits der Hauptrouten problemlos voran.
Südlich des Lake Corongamite stoßen wir wieder auf den Princess Highway, den wir auch schon in Melbourne benutzt hatten. War er dort noch eine vielspurige Autobahn, ist er hier abseits der Metropole nur noch eine gut ausgebaute Landstraße.
Das lokale Zentrum ist die Kleinstadt Colac mit einer von Ladengeschäften gesäumten Hauptstraße. Hier tanken wir zum ersten Mal.
Hinter Colac wird die Landstraße zum doppelspurigen Highway, was das Vorankommen deutlich beschleunigt.
Kurz darauf passieren wir das Dorf Winchelsea. Nichts an diesem verschlafenen Kaff zeigt an, dass hier einst Bedeutendes geschah: 1859 entließ Thomas Austin auf seinem Landgut 24 Wildkaninchen aus England zur Bereicherung der australischen Tierwelt. Die Nager machten ihrem Ruf alle Ehre und vermehrten sich fleißig, was Flora und Fauna Australiens für immer veränderte. Die trotz aller Maßnahmen bis heute andauernde Kaninchenplage, die nachweislich auf die 24 Exemplare aus Winchelsea zurückgeht, gilt seit langem als das Paradebeispiel für invasive Tierarten.
Im Nu sind wir wieder in Torquay und fahren bei einem COLES-Supermarkt vor. Auf dem Parkplatz werden wir von einem älteren Australier angesprochen, der sich über unser Wohnmobil erkundigt. Das Wetter sei furchtbar, meint er mit Blick zum trüben Himmel, "18 degrees, this is not the summer." Wir hatten uns das auch anders vorgestellt.
Eine Viertelstunde später fahren wir im einsetzenden Nieselregen wieder beim Breamlea Caravan Park vor. Obwohl in diesem verschlafenen Campingplatz mit seinen betagten Campingwagen die Zeit stillzustehen und sich seit Vorvorgestern nichts verändert zu haben scheint, hat sich der Zufahrtscode geändert; auch bekommen wir eine andere Site zugewiesen, obwohl unsere vorherige noch frei ist.
Wir gehen bei dem grottigen Wetter nicht an den Strand, sondern öffnen eine Flasche Rotwein.
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