Freitag, 29. November 2024

26. November 2024 Breamlea - Phillip Island

Als wir in der Früh aus dem Camper schauen, blicken wir in den Nebel. Das hat uns zum Novemberwetter noch gefehlt. Immerhin regnet es nicht mehr - Susanne prägt einen Ausspruch, der völlig treffend ist, den aber wohl absolut niemand mit einem Australien-Urlaub in Verbindung bringen würde.
Wir fahren heute mit der Fähre auf die andere Seite der Port Phillip Bay, so heißt die Bucht von Melbourne. Dafür müssen wir nach Queenscliff, einer ganz auf der Spitze der kleinen Halbinsel gelegenen Ortschaft.
Zunächst fahren wir durch nebliges Marschland, dann durch mehrere Orte, in denen die Kinder gerade auf dem Weg zur Schule sind. Sie tragen die hierzulande üblichen School Uniforms ihrer jeweiligen Schule, die aus einem Polohemd und passenden Hosen oder Röcken bestehen. Hier zeigt sich wieder einmal die enge Verbindung zu englischen Traditionen. Gerade auch für einen Einwandererstaat wie Australien bietet eine Schuluniform handfeste Vorteile, da durch die einheitliche Kleidung die verschiedenen Herkünfte und sozialen Unterschiede zwischen den Schülern weniger auffällig werden. Wir fänden es nicht allzu verkehrt, wenn auch bei uns darüber nachgedacht würde.
Queenscliff ist ein schöner Ferienort mit adretten Häusern und geschmackvollen Geschäften, die jedoch zu so früher Stunde alle noch nicht geöffnet haben. 
Am Fährterminal kommen wir so früh an, dass wir auch beinahe das Schiff um 9 Uhr erreicht hätten. Wir haben jedoch für 10 Uhr gebucht, die völlig entspannte Frau bei der Ticketkontrolle hat alle Zeit der Welt, um uns auf die geltenden Sicherheitsbestimmungen und die Annehmlichkeiten hier im Hafen und auf dem Schiff hinzuweisen. Dann fahren wir als erstes Fahrzeug auf den nummerierten Fahrstreifen für die nächste Abfahrt.
Die Wartezeit lässt sich im Terminal-Café angenehm überbrücken mit einem Kaffee - der jedoch so heiß ist, dass er erst 20 Minuten nach Erwerb genießbar ist - und einem nett gemachten 3D-Film für Kinder über das Leben im Meer.
Die Auffahrt auf die Fähre ist problemlos, ohne jede Hektik werden wir auf dem Lastwagendeck eingewiesen. 
Diese Fährfahrt hatten wir uns als Sonnenfahrt mit Blick auf die ferne Skyline Melbournes und auf viele andere Schiffe vorgestellt. Bei der Abfahrt verschwindet der Anleger jedoch nach wenigen Minuten im Nebel, und das Nebelhorn der Fähre gibt den Soundtrack vor.
Nach etwa der Hälfte der dreiviertelstündigen Fahrt reißt es endlich auf. Wir gehen hinauf auf das Oberdeck und können nun das jenseitige Ufer sehen. Es ist fast windstill und nicht kalt, und die Sicht bessert sich weiter. 
Ein auslaufendes Containerschiff passiert in unserem Heckwasser die erstaunlich enge Durchfahrt durch diese Meerenge, welche die Port Phillip Bay vom Meer trennt. Es ist die COSCO SINGAPORE, laut der App VESSEL FINDER auf dem Weg nach Brisbane.
Unsere Fähre gleitet nun am Ufer entlang. Hier stehen prächtige Häuser, die an THE GREAT GATSBY erinnern, alle mit Privatstrand und eigenem Anleger. Die Häuser gehören zu Portsea, dem überaus noblen Küstenort an der Spitze dieser Halbinsel. Auf der dem Ozean zugewandten Seite ging 1967 Harold Holt, damals amtierender Premierminister Australiens, zum Baden und ward nicht mehr gesehen, auch seine Leiche wurde nie gefunden. Wahrscheinlich war er bislang der einzige Regierungschef weltweit, der in seiner Freizeit ertrank. Das er nicht sonderlich beliebt gewesen sein muss zeigt sich unter anderem daran, dass Melbourne ihm ein erinnerndes Denkmal setzte, indem man ein Schwimmbad nach ihm benannte. Da muss man erstmal drauf kommen.
Am Fährterminal in Sorrento fahren wir dann bei einsetzendem Sonnenschein vom Schiff. Nach kurzer Beratschlagung entscheiden wir uns, zum Cape Schanck Lighthouse zu fahren, das an der Südspitze der Mornington Peninsula liegt. Diese Halbinsel trennt die Port Phillip Bay von der benachbarten Western Port Bay und wird daher auch "Land between the Bays" genannt. 
Unsere Fahrt wird jedoch schon nach wenigen Minuten unterbrochen: Polizisten weisen den kompletten Verkehr auf einen Parkplatz. Dies ist eine Drug Control, und jeder Fahrer muss in ein Kontrollröhrchen pusten. Eine Alkohol- und Drogenkontrolle werktags morgens um 11 Uhr, das ist überraschend für uns aber völlig konsequent. Der freundliche junge Polizist ist kaum zu verstehen. Sein "Where are you diving?" erntet bei uns nur verständnislose Blicke, sehen wir aus wie Taucher? Dann dämmert es uns: Er meint "driving"; ok, das können wir beantworten. "Australian English is a little bit difficult to understand“ meint Susanne mit einem Achselzucken, was mit höflichem Lächeln quittiert wird. Jedenfalls fällt Susannes Atemtest zufriedenstellend aus, und nach kaum einer halben Minute dürfen wir weiter fahren. Dies war für uns eine echte Premiere: Die erste Polizeikontrolle in Übersee.
Zunächst fahren wir nun durch einen von Golfplätzen, Country Clubs und Spa Hotels geprägten Landstrich, dann überwiegen Felder und ausgedehnte Weideflächen. Die Farmen hier scheinen ungleich wohlhabender zu sein als ihre Pendants gestern, hier haben sie Dank ihrer Lage am ansteigenden Hang oft Meerblick und liegen am Ende meist repräsentativ gestalteter Einfahrten. 
Fuhren wir seit der Fähre im Sonnenlicht, zieht es sich kurz vor dem Leuchtturm wieder zu, und das Cape Schanck Lighthouse ist im Nebel kaum erkennbar. Leichter Wind treibt den Dunst jedoch vor sich her, und pünktlich als wir unseren Spaziergang auf dem Lighthouse Trail beginnen, klart es auch hier ein wenig auf. Der Weg bietet hübsche Ausblicke auf den 1859 gebauten Leuchtturm, viel mehr begeistern jedoch die Blicke von der Klippe hinab auf die sich tief zu unseren Füßen brechenden Wellen. 
Hier sind die australischen Fliegen, die einen oft auf Schritt und Tritt verfolgen und stets alle Öffnungen des Kopfes umschwirren, besonders nervig. Mit einer Hand ist man beinahe ständig mit Herumwedeln beschäftigt.
Auf der Rückfahrt halten wir bei einem Bauernhof-Laden an, dessen "extra sweet strawberries"-Werbetafel uns schon auf dem Hinweg aufgefallen war. Wir kaufen Erdbeeren in XL-Größe und kommen an der Kasse mit der Verkäuferin Jane ins Gespräch. Sie habe vor langer Zeit mal auf einem Weingut in Süddeutschland gearbeitet, erzählt sie, und möchte da mit ihren Kindern irgendwann einmal wieder hinfahren, um es ihnen zu zeigen. Für unseren Tag empfiehlt sie uns, ins benachbarte Flinders zu fahren. Dort gäbe es neben einem hübschen Pier einen ausgezeichneten Eisladen und Chocolaterie.
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und sind kaum 20 Minuten später in Flinders. Der unterhalb des Ortes gelegene Anleger bietet in der Tat einen tollen Blick auf das blaue Wasser der Western Port Bay und auf die gegenüber liegende Uferlinie von Phillip Island; auf diese Insel fahren wir heute noch, müssen dafür jedoch die Bucht umrunden.
Die große Show von Flinders ist dann der Eisladen, die "Mornington Peninsula Chocolaterie". Neben sehr verführerisch arrangierten Schokoladen und Pralinen bietet sie eine gut sortierte Eisauswahl, aus der dann üppig ausgegeben wird. Zwei Kugeln Eis entsprechen locker mindestens Dreien in deutschen Eisdielen, und lecker ist es auch.
Gegenüber hat die Pharmacy geöffnet, und wir können bei einer sehr kompetenten Apothekerin, die für uns als erste Australierin glasklares und verständliches Englisch spricht und ihre Apotheke mit Mozart beschallt - "My favourite" meint sie lächelnd -, ein daheim vergessenes Medikament nachkaufen. Dabei wandert auch ein Töpfchen Manuka-Honig in die Einkaufstasche, der hier deutlich billiger ist als in Deutschland.
Wir fahren anschließend oberhalb der Küste entlang. Viele Schilder weisen auf die hiesige Koala-Kolonie hin und mahnen zu vorsichtiger Fahrweise. Da halten wir uns gerne dran.
Über Hastings und später den Bass Highway fahren wir um die Bucht herum und über eine Brücke auf die Insel hinüber.
Hier auf Phillip Island haben wir in Cowes im NRMA Phillip Island Beachfront Holiday Park vorgebucht und bekommen einen Stellplatz direkt am Wasser.
Nach einem kurzen Schnack mit dem Site-Nachbarn aus Melbourne; der mit seiner Frau ein paar Tage "just away from the kids" genießt, gehen wir zum Strand. 
Der Strand ist ein sogenannter Squeaky Beach: Jeder Schritt im Sand verursacht ein lustig-quietschendes Geräusch, ein Effekt, der durch Quarzsand verursacht wird.
Oskar tobt am Wasser, wir setzen uns in den Sand und genießen den warmen Sonnenschein und erstmals echtes Australien-Feeling.
Der erlebnisreiche Tag ist jedoch noch nicht zu Ende, denn wir haben noch Abendprogramm: Die Pinguin Parade.
Hierfür fahren wir an die Westspitze der Insel, stellen unser Gefährt auf einen Großparkplatz, sehen dabei ein Känguru weghoppeln und reihen uns ein in die Menschenmassen, die dieses Event heute ebenfalls erleben wollen. Mehrere Tribünen stehen hier am Strand, um die kleinen Vögel bei ihrem abendlichen an Land kommen beobachten zu können. 
Ranger sorgen für Ordnung, erläutern das bevorstehende Geschehen und ermahnen, die für halb neun erwarteten Pinguine nicht zu fotographieren oder zu erschrecken. Wir haben Glück und sitzen ganz vorne mit gutem Blick auf den Strand und die wilde Brandung, dick eingemummelt in alle Lagen Textilien, die wir haben. Da inzwischen wieder Nebel aufkommt und vom Meer her eine feuchtkalte Brise weht, sind wir für die warme Kleidung dankbar.
Nun heißt es, geduldig zu warten. 1.322 Pinguine seien es gestern gewesen, die auch heute gegen 20.30 Uhr erwartet werden.
Die ersten zeigen sich schon deutlich früher, zunächst ihre Köpfe in der Brandung, dann mit ersten zögerlichen Schritte an Land. Aber so richtig trauen sie sich noch nicht, sie lassen sich von den Wellen immer wieder ins Meer ziehen. Ist es ihnen noch zu hell?
Dann aber kommen sie in kleinen und größeren Trupps an Land, hasten den Strand hinauf und watscheln zu ihren Nestern in den Dünen. Das ist sehr drollig anzuschauen.
Leider hat das Schauspiel eine ungute Wirkung auf das Publikum. Es ist nun kein Halten mehr, viele Zuschauer zücken ihre Handys und knipsen wild drauflos. Menschlicher Egoismus in abstoßender Form. Einer hat sein Blitzlicht aktiviert, was unter den empörten anderen Leuten fast zur Lynchjustiz führt. Die Ranger haben unterdessen alle Hände voll zu tun, den menschlichen Zirkus irgendwie zu bändigen, zumal einige Zuschauer schon aufstehen, kaum dass die ersten Tiere an Land sind. Welch ein Job, sich jeden Tag dieser vergeblichen Sysiphusarbeit zu stellen. Warum werfen sie diese Störenfriede nicht einfach hinaus? Man braucht die Einnahmen wohl dringender als dass man die schädlichen Auswirkungen auf die Pinguine fürchtet.
Im Vergleich zu ihrem eher beschaulichen Äquivalent in Oamaru in Neuseeland ist dieser Teil der Parade jedenfalls der totale Touri-Albtraum, zumal man in Oamaru die Tiere viel besser und näher zu sehen bekam.
Der Weg von den Tribünen zurück zum großen Hauptgebäude und den Parkplätzen führt auf Stegen über die Pinguinkolonie hinweg. Hier kann man im Licht dezenter Lampen die Vögel auf ihrem Weg zu den Nestern beobachten, und hier ist auch das blitzlichtlose Fotographieren erlaubt.
Pinguine scheinen offenbar nur beim Wechsel der Elemente ängstlich zu sein. Wenn sie das Wasser einmal verlassen haben stört sie der Trubel wohl nicht mehr. Sie watscheln durch die Dünen, schnattern lustig, einige raufen sogar miteinander. Aber alles völlig unaufgeregt und die vielen Menschen über ihren Köpfen ignorierend, die ihrerseits umso aufgeregter sind.
Sei es wie es sei: Nach Koalas und Kängurus haben wir mit den Pinguinen nun gleich in den ersten Tagen unserer Tour alle australischen Tiere gesehen, die wir gerne sehen wollten. Allein für Oskars Begeisterung die putzigen Tierchen zu erleben, war es den Abend wert. Und die in keiner Weise nach einer Wiederholung schreienden Begleitumstände dieser Veranstaltung verbuchen wir unter: Mann oh Mann.

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