Kaum ist der Tag angebrochen sind wir wieder wach. Ein Blick aus dem Fenster zeigt einen noch bewölkten Himmel. Aber wie vom Wetterbericht prophezeit kommt schon bald die Sonne hervor und die blau blühenden Bäume im vor dem Hotel liegende Park der Flagstaff Gardens leuchten im hellen Licht.
Nach einem ausgiebigen Frühstück, very british mit Würstchen, Gemüse, Rührei und Hash Browns, starten wir zur Stadterkundung. Es ist nun wunderbar frühsommerlich warm, herrlichstes Geburtstagswetter also für mich Novembergeborenen, sonst an diesem Tag stets an Nebel, usselige Kälte und Regen in jeder Form gewöhnt - mein erster Geburtstag bei 25°.
Zuallererst müssen wir uns an den Linksverkehr gewöhnen, die Autos und Fahrräder kommen immer von der falschen Seite. Besonders Oskar mahnen wir zur Vorsicht.
Zu meiner Freude verlaufen auf vielen Straßen des Schachbrettartigen Stadtplans Straßenbahn-Strecken mit zum Teil dichtem Verkehr und uralten Fahrzeugen. Erste Fotomotive ergeben sich so von selbst.
Wir drehen eine kleine Runde durch den Park, in dem für einen Wochentag erstaunlich viel Betrieb herrscht.
Dann streben wir dem Stadtkern entgegen, der sich vor allem entlang der Swanston Street erstreckt.
Hier steht direkt eines der Wahrzeichen Melbournes, die mit ihrer Säulenfassade an Londoner Paläste erinnernde State Library of Victoria. Dieser majestätische Bau in victorianischem Stil beherbergt eine der ältesten öffentlichen Bibliothek überhaupt. Eröffnet wurde sie 1856 mit damals 3.846 Büchern, heute ist sie die bedeutendste ihrer Art auf der südlichen Hemisphäre. Unter anderem bewahrt sie die Schriften des legendären James Cook auf sowie die Ausrüstung von Ned Kelly, des berühmtesten australischen Banditen und Rebellen - der Sage nach eine Mischung aus Billy the Kid und Robin Hood, wobei letzteres wohl ein wenig übertrieben sein soll.
Die Räumlichkeiten der Bibliothek lassen sich frei betreten, so können wir uns ein wenig umsehen. Noch weitgehend im Originalzustand ist die Säulenhalle der Ian Potter Queen's Hall, Lesesaal aus dem Gründungsjahr. Heute beherbergt sie die Schachabteilung und die Sammlung australischer Literatur in nicht-englischer Sprache.
Noch beeindruckender ist der zentrale Lesesaal, achteckig angelegt unter einer 35 Meter hohen Kuppel. Er bietet Platz für 320 Leser, die an traditionellen hölzernen Studierpulten sitzen können. Ein riesiger heller Raum, der mit seiner Stille sehr würdevoll wirkt und in seiner Souveränität an Harry Potter erinnert.
Auf dem Platz vor dem Bau herrscht eine Mischung aus großstädtischer Hektik und ruhiger Gelassenheit einer Universität: Studenten sitzen auf den Bänken und Rasenflächen neben Büroangestellten und Bauarbeitern, die gerade Mittagspause haben, ein stetiger Strom Menschen bewegt sich auf den Bürgersteigen auf und ab, während auf der Straße die Straßenbahnen in absurd enger Frequenz unterwegs sind. Überragt werden die Bibliothek und die sie umgebenden Gebäude von den Glasfassaden moderner Hochhäuser.
Das Umfeld aus traditioneller und moderner Architektur erinnert uns stark an Boston, die Menschen mit ihrem hohen asiatischen Anteil lassen uns eher an San Francisco denken oder an den ethnischen Mix aus Indien, China und Südostasien, für den Singapur bekannt ist.
Wir lassen uns die quirlige Swanston Street herunter treiben, kommen dabei am Eingangstor von Chinatown und am klassizistischen Rathaus vorbei.
Am unteren Ende der Straße warten zwei absolute Highlights auf uns. Zunächst besuchen wir die neugotische
St. Paul's Cathedral, 1881 geweiht und seitdem Sitz des anglikanischen Erzbischofs von Melbourne. Ein herrlicher Bau mit einem gleichzeitig schlichten wie beeindruckenden Kirchenschiff aus braunen und dunkelgrauen Steinen und einem prächtigen Altar. Wir sind sofort begeistert und lassen uns Zeit bei der Besichtigung. 


Auf der anderen Straßenseite steht Flinders Street Station, der verkehrsreichste Bahnhof Melbournes.
Sein Empfangsgebäude im Stil der Neorenaissance mit Kuppelbau und Uhrenturm ist ein echter Blickfang. Die Pläne des Baus, inspiriert von der St. Pancras Station in London, waren ursprünglich für die Victoria Station in Bombay vorgesehen, wurden dann jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hier realisiert.
Ich hatte mir als Geburtstagsgeschenk gewünscht, den Bahnhof anschauen zu können, dem Vorhaben stellt sich aber die Bahnsteigsperre in den Weg. Susanne gelingt es jedoch, einer freundlichen jungen Bediensteten unser Besichtigungsanliegen näher zu bringen, und sie lässt uns tatsächlich auch ohne Fahrkarten passieren. Australische Freundlichkeit in Perfektion. Ich habe nun eine gute halbe Stunde, einige der hier verkehrenden Vorortzüge möglichst geschmackvoll auf den Chip zu bannen.