In der Nacht trommelten zeitweise die Regentropfen auf das Camperdach. Am Morgen ist es zum Glück dann trotz bedecktem Himmel noch einmal so warm, dass wir draußen frühstücken können. Die Sonne werden wir jedoch laut Wetterbericht die nächsten Tage wohl kaum mehr zu Gesicht bekommen.
Wir schauen natürlich noch einmal nach dem Koala. Das putzige Beuteltier sitzt noch auf seinem Baum - wunderbar. Auch mehrere Asiaten sind begeistert; sie stehen im Pulk unter dem Baum, schießen Selfies mit Koala im Hintergrund - was für ein Unsinn, das Tier sitzt 5 Meter hoch in einer Astgabel - und versuchen, ihn mit Geräuschen zu Bewegungen zu animieren, was er mit gelangweiltem Weggucken quittiert.
Die Great Ocean Road führt zunächst ähnlich aufregend wie gestern an der Steilküste entlang. Eng an den Felsen geschmiegt verläuft die kurvenreiche Straße, mal unten am Wasser, mal etwas auf Höhe trassiert. Lookouts bieten schöne Aussichten auf das Meer, dass sich heute jedoch nicht immer azurblau, sondern oft in trübem Schlachtschiffgrau präsentiert. Wir sind schon froh, dass es nicht weiter regnet. Den Abschnitt über die Great Ocean Road hatten wir uns wettermäßig etwas anders vorgestellt.
Wir benötigen heute eine Dump Station, um das Toilettenwasser ablassen zu können. Laut unserer Camper-App soll sich eine der Stationen in Marengo befinden. Wir finden dort jedoch nichts Geeignetes, offenbar ist die Information veraltet. Daher verschieben wir das Dumpen notgedrungen auf heute Abend. Marengo ist übrigens einer der australischen Ortsnamen, die sich bis heute aus der kurzen Zeit der französischen Besiedlung erhalten haben. Die Franzosen nannten Australien Terre Napoléon; eine interessante Überlegung ist, wie Australien heißen würde, wenn sich die Franzosen festgesetzt hätten.
Hinter Apollo Bay biegt die Straße für lange Zeit von der Küste ab und führt nun hinauf in den Regenwald. Ein intensiver Duft umgibt uns hier, wie man ihn aus dem Tropenhaus im Zoo kennt; "nur ist es da viel wärmer" kommentiert Oskar treffend, er hat offensichtlich den Sarkasmus entdeckt.
Zum Cape Otway Lighthouse führt eine 12 Kilometer lange schmale Stichstraße abwechslungsreich durch den Wald des Cape Otway National Parks. An der Einfahrt zum Leuchtturm-Areal sehen wir unser erstes Känguru, ein kleines schwarzes Exemplar, dass sich jedoch schnell ins Unterholz empfiehlt.
Der Leuchtturm auf Cape Otway war der zweite Leuchtturm Australiens und hilft seit 1848 Schiffen bei der Einfahrt in die gefährliche Bass Strait, der Meerenge zwischen Australien und Tasmanien. Dieses Seegebiet ist in Seefahrerkreisen berüchtigt; es sind hier so viele Schiffe gesunken, dass die Küste auch den Namen Shipwreck Coast trägt.
Wir haben Glück und kommen gerade noch rechtzeitig an, bevor sich der Turm in Nebel hüllt; das Postkartenmotiv mit dem strahlend weißen Turm hoch über dem blauen Meer können wir uns freilich abschminken.
Vielleicht weil heute witterungsbedingt wenig los ist, sehen wir kaum 50 Meter vom Wanderweg entfernt ein großes Känguru, dass genussvoll an einem Strauch am Waldrand knabbert.
Ein weiteres, diesmal wieder von kleinem Wuchs und schwarz, sehen wir dann noch auf dem Rückweg an der Straße.
Es ist faszinierend, dass diese von europäischer Warte aus gesehen exotisch-kuriosen Geschöpfe mit ihren drolligen Schwänzen hier tatsächlich zur völlig normalen Tierwelt gehören und dass die Warnschilder an der Straße nicht nur als Fotomotive für Touristen gedacht sind.
Nun führt die Great Ocean Road im deutlichen Kontrast zu ihrem Namen in eine ausgedehnte Hügellandschaft fernab vom Meer. Wälder und Wiesen wechseln sich entlang der kurvenreichen Straße munter ab, die Straße führt bergauf und bergab. Die Zufahrten zu den Farmen liegen weit auseinander, hier hat man viel Platz bis zum Nachbarn.
In den höheren Lagen fahren wir durch Nebelbänke, die zwischen den Bäumen wabern. In Anbetracht des Regenwaldes wahrscheinlich nicht ganz seltene Wetterbedingungen hier in den Bergen.
Irgendwann geht es langanhaltend bergab und wir nähern uns nach 84 Kilometern Landpartie wieder dem Meer.
In diesem Bereich ist der Sandstein der Küste enorm anfällig für die Erosion der Brandung, so dass sich über Jahrmillionen spektakuläre Felsformationen herausgearbeitet haben.
Als erstes halten wir an den Gibson Steps an. Hier führen die 86 Stufen einer in den Felsen gehauenen Treppe hinunter zum Strand, und man steht vis-à-vis zweier großer Felstürme, die von der wilden Brandung umspült werden. Ist schon der Weg die Treppe hinunter abenteuerlich, wird es am Strand noch atemberaubender, was vor allem am Lärm der an den Strand brechenden Wellen und der durch das bedeckte Wetter düsteren Stimmung liegt. Und über diesem Schauspiel ragen die monumentalen Felsen auf - ehrfurchtsvoll und schön zugleich.
Zwei Kilometer weiter das nächste Schauspiel: Die Felsen der "Twelve Apostel", neben dem Ayers Rock und dem Opernhaus in Sydney das dritte Wahrzeichen Australiens. Auch wenn die Sonne nicht scheint: Der Blick auf diese der Brandung trotzenden epischen Felsen ist nichts weniger als kolossal.
Ein weiteres kurzes Stück die Great Ocean Road hinunter kommen wir schließlich zur Felsbucht der Loch Ard Gorge mit ihren vorgelagerten Inseln - eine davon mit einem schönen Felsbogen à la Natural Bridge. Hier spielte sich 1878 die berühmteste Katastrophe der Shipwreck Coast ab, als die "Loch Ard" an dieser Stelle auf Grund lief und sank. Nur zwei Teenager überlebten dieses Unglück, das der Bucht ihren Namen gab.
Sehr beeindruckt vom Gesehenen fahren wir die letzten Tageskilometer nach Port Campbell und zum dortigen NRMA Family Park Campground.
Hier treffen wir um halb sechs ein und treffen den Platzchef gerade auf seinem Weg in den Feierabend an. Zwar sei eigentlich erst um 18 Uhr Schluss, aber er möchte heute früher Schluss machen, meint er verschmitzt. Interessanter Ansatz für einen Dienstleistungsbetrieb. Zwar können die später Ankommenden ihre Stellplatz- Informationen auch mittels hinterlegter Zettel bekommen, aber wenn es heißt, dass bis 18 Uhr offen ist, dann sollte das eigentlich gelten. Uns bringt die freizügige Zeitauslegung um die Möglichkeit, Münzen für die Laundry zu tauschen, was schade ist; denn der Wäschesack hat sich inzwischen gut gefüllt.
In der Einfahrt ist der Wetterbericht für heute und morgen angeschrieben: Er ist mit seinen Wolken und verhaltenen Temperaturen alles andere als das, was man für einen australischen Sommer erwartet und würde der Nordsee in der Hochsaison alle Ehre machen. Zunächst erledigen wir das nun dringend nötige Dumpen, dann suchen wir unseren Stellplatz. Dieser liegt am Ufer eines kleinen Flüsschens, wir hatten ihn mit der Aussicht auf eine schönen Abend auf der Geünfläche vor dem Camper gebucht. Da wir bei der Kälte jedoch drinnen essen müssen, kommen wir leider nicht in den Genuss. Statt dessen gehen wir wieder früher zu Bett.
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